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Archive for the ‘Kneipengeschichten’ Category

Bratislava, Mr. PREZIDENT PUB:
2x Borovička je ca. 0,80 Euro (siehe Kneipen-ABC)

Bratislava: Die Hauptstadt der Slowakei hat heute rund 500.000 Einwohner – Tendenz steigend.

Bratislava ist auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders attraktiv. Als Hauptstadt und repräsentative Metropole der Slowakei wurde sie in den 1980er Jahren etwas nachdrücklich modernisiert. Heute stört der ein oder andere architektonische Fehlgriff das mittelalterlich anmutende Stadtbild: Am Fuße der Bratislavský hrad (dt. Bratislaver Burg) schlägt sich die massive, verkehrslastige Nový most (dt. Neue Brücke, gebaut in den Jahren 1967-1972) über die Donau und schneidet den Burgberg plump von der Altstadt ab. Jenseits des Flusses mündet die Brücke dann in die angeblich größte Plattenbausiedlung Europas Ptržalka (von petržlen – dt. Petersilie).

Markantes Erkennungsmerkmal von Bratislava: Die Nový Most (dt. Neue Brücke) mit dem „Ufo“

Vom altbackenen Charme des Habsburger Pressburg ist nicht viel übrig geblieben. Eher hat man das Gefühl, sich heute in einer Welt von Touristenbespaßung und Geschäftsmännern zu bewegen. Europäische Kreditinstititute und deutsche Automobilunternehmen bauen sich schicke Filialen. 2009 hieß ein riesiges Plakat an einer Hochhauswand den Euro willkommen.

Fotoapparat, Funktionskleidung und Sonnenschutz: Touristenfluten in Bratislava

Angesagt: Sightseeing im Sitzen

Zwischen Plattenbauten, Großstadtgetümmel und Touristenfluten werden an versteckten Orten jedoch auch in Bratislava noch Wünsche wahr. In einer Seitengasse gegenüber des Präsidentenpalastes am Stadtring sitzen wir im Mr. PREZIDENT PUB. Entgegen der Erwartungen, die der Name der Kneipe vielleicht wecken könnte, trinken hier keine Staatsoberhäupter, sondern urgesteinig anmutende Stammgäste gemeinsam ihren Feierabendschnaps. Dazu gehört auch eine Gruppe Roma, die an manchen Abenden in der Ecke links neben der Bar ihre Lieder singt und dazu eindrucksvoll auf der Gitarre spielt.

Ruhepol im Stadtzentrum: Das Mr. PREZIDENT PUB

Štamgasty im Mr. PREZIDENT PUB

Heute abend aber können die Gäste sich an der Jukebox für 20 Cent ihre Wünsche erfüllen – „einmal, zweimal, dreimal.“ Aus dem bunten Kasten an der Wand schallen tschechoslowakische Evergreens. Am Tisch gegenüber sitzt eine nicht mehr ganz junge Frau mit ihren zwei kamošy (dt. Kumpels) beim Bier. Verzückt schunkelt sie im Walzertakt eines Liedes aus einem alten tschechischen Märchenfilm. „Život je pohádkou nedopsanou, vše stát se smí jen třikrát (dt. Das Leben ist eine ungeschriebene Geschichte, in der alles nur dreimal passieren darf).“

Die Frau steht auf, tänzelt zur Jukebox und wirft eine Münze hinein, um sich ihren zweiten Wunsch zu erfüllen. Erneut erklingen die romantischen Töne des Märchenliedes. „Veř mi, že to je ta na světě nejlepší zpráva pro ty kdo uvěří stane se zázrak (dt. Glaub mir, das ist auf der ganzen Welt die beste Nachricht: Für diejenigen, die daran glauben, geschieht ein Wunder).“ Verträumt legt die Frau ihren hageren Arm um die starken Schultern ihres Kumpels und singt mit glänzenden Augen lautstark „Království padne, když schází v něm láska (dt. Auch Könige fallen, wenn ihnen die Liebe fehlt)“, als glaube sie fest daran, bald endlich von ihrem Traumprinzen gefunden zu werden.

Chraň své tři oříšky třeba tě zázrak potká (dt. Heb dir deine drei Haselnüsse auf, vielleicht wartet auf dich ein Wunder).“ Die letzten Töne des Märchenlieds verklingen und die Frau erfüllt sich an der Jukebox zum dritten Mal ihren Liedwunsch: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Im Mr. PREZDENT PUB geschehen Wunder, einmal, zweimal, dreimal – „Možná taky stokrát (dt. Manchmal vielleicht sogar hundertmal).“


Diese Melodie kennt nicht nur in Tschechien jeder: Iveta Bartošovás Song zum Märchenfilm „Tři oříšky pro Popelku“ (sk. „Tri oriešky pre Popolušku„, dt. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“) aus dem Jahr 1973.

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Vrbovce, Hüttenbau-Workshop:
1 Flasche selbstgemachter Sauerkirschlikör
, 2x Gemer aus der Flasche (siehe Kneipen-ABC)

Die Kneipe als Ort der Begegnung, an dem ungeschriebene Geschichten erzählt werden, hat in der Slowakei einen Konkurrenten: Das Lagerfeuer. Auch hier sitzt man traditionell beieinander und raunt sich Erzählungen zu – über das Leben, Vergangenheit und Zukunft, und besonders über die Liebe.

Das Dorf Vrbovce in Záhorie

Eine Liebesgeschichte hören wir in Záhorie (dt. „Hinter den Bergen“, Gebiet in der Westslowakei). Es ist Nacht, die Bewohner im Dorf Vrbovce haben ihre Lichter längst ausgeknipst. Alles schläft – nur nicht das Lager hinter dem Hügel. Das „Lager“ ist eigentlich ein (freiwilliger) Workshop, in dem die Teilnehmer lernen sollen, aus Holz, Stroh, Lehm und Schafswolle jurtenartige Hütten zu bauen.

Morgendliche Anleitung zum Hüttenbau

Die Jurten sollen später von Touristen bewohnt werden, die erfahren möchten, wie es ist, unter einfachsten Bedingungen zu leben.

Auch in dieser Nacht sitzen die Arbeitssamen um das Lagerfeuer. Rhythmische Klänge erheben sich. Einige Frauen singen sich in Trance, ein paar Männer trommeln, andere blasen in Fujaras (slowakische Hirtenflöten) und Didgeridoos. Die rohrartigen Holzblasinstrumente sind auch der Grund für unsere Anwesenheit im Lager. Wir folgten einem Bekannten aus Zahorié, der vor zwei Jahren in einer jener selbstgebauten Jurten ein Feuer entfachte. Fatalerweise handelte es sich dabei um das Didgeridoo-Lagerungszelt. Beherzt ließ er den natürlichen Wirkung-Gegenwirkung-Effekt von Holz und Feuer außer Acht und brannte die Hütte samt Inhalt nieder. Nach zwei schamvollen Jahren im Untergrund fand sich unser vom Gewissen gequälter Freund wieder im Lager ein, um seine Schuld abzuarbeiten.

Neben den Zahorácy kommen die Workshopteilnehmer hauptsächlich aus Tschechien und lassen sich, sehr pauschal formuliert, in zwei Kategorien unterteilen: Der Typ Arbeiter, der ungefragt zupackt. Der Typ Hippie, der versucht, der körperlichen Arbeit einen spirituellen Sinn einzuverleiben. Zusätzlich erfüllt dieser leider oft so manches Klischees, ist Vegetarier und erzählt gern von seinen Indienreisen.

„He!“ Ein Typ Zwei, der sich als Jakub vorstellt, setzt sich vor uns auf den Boden und fragt uns mit sanfter Stimme: „Möchtet ihr euch der Gruppe nicht auch mitteilen? Wir haben für JEDEN ein Instrument.“ Er zieht eine indische Glocke hervor. Den Kopf in Schräglage versetzt und die Augen geschlossen beginnt Jakub mit einem Klöppel über den Rand der Glocke zu streichen, bis sich ein monotoner Ton von ihr löst. Müde lächelnd lehnen wir ab. Plötzlich kriecht eine junge Frau auf allen Vieren aus der Finsternis. Wie ein Wolf nähert sie sich dem Feuer, kreist dabei rhythmisch im Takt ihre Hüften. „Přicházá! (dt. Sie zeigt sich!)“ raunt Jakub ehrfürchtig. Wir dagegen sehen uns an mit der heimlichen Angst, nach der Ablehnung der indischen Glocke nun dazu aufgefordert zu werden, uns der Gruppe ersatzweise durch einen Feuertanz „mitzuteilen“.

Zur Flucht kommt es nicht. Ein geschätzt 60-jähriger Mann nimmt neben uns auf der Holzbank Platz. Jiři entpuppt sich als Geschichtenerzähler. In perfektem Deutsch berichtet der charismatische Schauspieler von seinen einstigen Liebschaften, denen er bis nach Italien oder Amerika folgte. Auch Deutsch lernte er von einer Verflossenen. „Bravo, Hanka!“ richtet sich Jiři an die Tänzerin. Das Schmeicheln hat er nicht verlernt.

Die Feuerstelle bei Tag: Ort der Ruhefindung

Ein Mann greift zur Gitarre. Mit kräftiger Stimme beginnt er, tschechische Lieder zu singen, die jeder Teilnehmer auf seine eigene oder eigenartige Weise zu begleiten weiß. „Wir nennen ihn ‚Viking‘ (dt. Wikinger)“, zeigt Jiři auf den Sänger. Der Spitzname erklärt sich von selbst: Viking hat ein rundliches Gesicht und sein blondes, fast weißfarbenes langes Haar mit einem Kopftuch nach hinten gebunden.

Und dann teilt Jiři mit uns eben eine jener Liebesgeschichte, die so nur am Lagerfeuer berichtet werden können. Sie geht so: „Viking ist Tscheche. Früher war er rastlos und wanderte so wie ihr durch die Welt. Eines Tages kam er in diese Gegend der Slowakei. Er stapfte durch den Wald und stieß auf eine Lichtung. Dort stand ein halb zerfallenes Haus, in dem eine einsame Frau mit ihren vier Kindern hockte. Ihr Mann hatte sie verlassen. Viking und die Slowakin sahen sich und verliebten sich auf den ersten Blick ineinander. Sie heirateten und bekamen gemeinsam noch zwei weitere Kinder. Viking ging nie wieder von hier fort.“

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Medzev (Metzenseifen), Gasthof Žuka:
2 kleine Gemer je 0,60 Euro (siehe Kneipen-ABC)

Leere Straßen in Medzev (dt. Metzenseifen)

Kleinstadt mit Prominenz: Der ehemalige Staatspräsident Rudolf Schuster kommt aus Medzev. Er stammt aus einer karpathendeutschen Familie.

Es gibt ein 4.000-Seelenstädtchen im Slovenský kras (dt. Slowakischer Karst, ca. 50 Kilometer westlich von Košice), das zwei Namen trägt: Medzev und Metzenseifen. Hier, so hatte uns Martin Gbúr erzählt, pflegen die Menschen noch einen alten deutschen Dialekt – das Mantakische (sk. mantáčtina). Mit großen Erwartungen auf eine sprachliche Kostprobe reisen wir an, werden aber, wie so oft in den ländlichen Gegenden der Slowakei, von leergefegten Straßen begrüßt. Wir beschließen, zunächst den Karpatendeutschen Verein aufzusuchen. Außer einem Schild finden wir auch dort jedoch nichts und niemanden vor. Ein Zettel klebt im Fenster, der darüber informiert, dass die deutsche Bücherei nur donnerstags von 16 bis 18 Uhr geöffnet hat.

Der Karpathendeutsche Verein in Medzev

Auf der Suche nach Menschen laufen wir nach Višný Medzev (dt. Obermetzenseifen). Eine Frau spricht uns auf der Straße an und fragt nach dem Grund unseres Aufenthalts. Wir erzählen ihr, dass es hier einen alten deutschen Dialekt gibt, den wir gerne hören wollen. Euphorisch deklariert sie, dass JEDER im Dorf mantakisch sprechen kann – außer ihr selbst. Sie ist, wie sie betont, eine čistá slovenka (dt. reine Slowakin). „Ty vieš po mantácky? (dt. Du sprichst doch mantakisch?)“ ruft sie einem Mädchen entgegen, das gerade des Weges kommt. Dieses schüttelt schweigend den Kopf, während uns die Frau zuraunt: „Na gut, sie spricht kein Mantakisch, sie ist ja auch eine Zigeunerin.“ Eine Dorfbewohnerin fährt auf dem Fahrrad vorbei. „He, počkaj (dt. warte!) – ty vieš po mantácky?“ ruft die Frau erneut. „Nie, nie! (dt. Nein, nein!)“ winkt die Radfahrerin ab und rauscht vorbei. Noch will die Frau nicht aufgeben und eilt schnurstraks in den nächsten Hinterhof. Nach einer Weile schlurft hinter ihr eine alte Dame aus dem Tor. „Grüß Gott!“ sagt diese zu uns und murmelt auf unsere Bitte hin schüchtern ein paar mantakische Phrasen, die wir jedoch kaum verstehen können. Sie entschuldigt sich, sie sei ein bisschen aus der Übung. Nach dem Tod ihres Vaters, der Deutscher gewesen war, habe sie niemanden mehr, mit dem sie mantakisch sprechen könne. Sie erzählt uns, dass sie und ihre Bekannten früher in Bratislava oder Prag immer deutsch gesprochen haben, wenn sie wollten, dass die Anderen sie nicht verstehen. Hinter ihren Rücken jedoch hätten die Leute ihnen zu Begreifen gegeben, dass sie auch deutsch sprechen. Damals habe jeder Deutsch gekonnt. „Außer mir!“, interveniert die andere Frau, „Ich bin eine Slowakin von Herzen!“ Die beiden schicken uns zurück in die Dorfmitte von Medzev: „Dort reden auf der Straße ALLE mantakisch.“

Wo, wenn nicht in der Kneipe, sprechen die Menschen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist? An einer Veranda hängt ein Schild, auf dem in altdeutscher Schrift das Wort „Gasthof“ angeschrieben ist.

Der Gasthof Žuka

Außergewöhnlich: Na Slovensku po nemecky (dt. In der Slowakei auf deutsch) im Hinterhof

Beim Betreten bleiben wir staunend stehen – tatsächlich sind an einem Tisch ein paar Männer in ein Gespräch auf mantakisch vertieft. Den Inhalt ihrer Sätze können wir zwar nicht verstehen, aber einzelne Wörter, wie „schwätz“ (reden) und „Mou“ (Mann) sind uns vertraut. Nach einer Weile spricht uns einer der Männer in einwandfreiem Hochdeutsch an und stellt sich als Georg Kosch vor. Er erteilt uns eine kleine Lehrstunde in Mantakisch. Nachdem er selbst ein paar Mal in Deutschland gewesen war, kommt der mantakische Dialekt seiner Einschätzung nach dem Bayerischen am Nächsten. „Den Praiß‘“, sagt er, „hab‘ ich nie verstanden.“ Wir lernen, dass „Schaib“ der Teller ist, „Mariaschel“ das Kartenspiel, „Grulln“ sagt man für die Kartoffeln und „Brambein“ für Schnaps (Branntwein). „Und was heißt auf mantakisch: Mein Bier schmeckt gut?“ fragen wir. „Mein Bier schmeckt gut!“ antwortet Georg Kosch und lacht.

Das mantakische Kartenspiel "Ruschschwarz", dessen Regeln nur die Einheimischen durchschauen...

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Košice, Krčma Nositel‘ Radu Práce:
2x Kofola je ca. 0,60 Euro (siehe Kneipen-ABC)

Košice - Metropole der Ostslowakei...

...mit einer reichen historischen Innenstadt

Endlich treffen wir ein slowakisches MitOst-Mitglied: Martin Gbúr stammt aus Košice (dt. Kaschau) und kennt deshalb jeden Winkel der zweitgrößten Stadt der Slowakei wie seine Westentasche. Einen Tag lang ist er unser persönlicher Stadtführer. Kompetent erzählt er uns von der deutschen, ungarischen und slowakischen Geschichte nahezu aller Gebäude, Plätze und Denkmäler der prachtvollen Altstadt.

Stadtführung deluxe mit MitOstler Martin Gbúr

In den vielen kleinen Gässchen zeigt Martin uns auch, wo seine Lieblingskneipen versteckt liegen. Unweit des Hauptmarktes befindet sich ein echtes Schmuckstück: Die Krčma Nositel‘ Radu Práce (dt. Kneipe „Träger des Arbeiterordens“). Bereits im Schaufenster begrüßt uns ein Bild von Lenin mit Bierkrug in der Hand und den Worten od zajtra už na sekeru (dt. frei übersetzt: „Schon ab morgen Freibier für alle!“), daneben platzieren sich sozialistische Manifeste (socialistické slovensko, dt. Die sozialistische Slowakei) und eine rote Flagge.

Sozialistenkneipe mit Museumsbeilage

Die urige Sozialistenkneipe, die sich an der Außenfassade ankündigt, setzt sich auch innen fort: Gegenüber des Eingangs prangt die Internationale an der Wand, daneben warnt Stalin vor dem Alkoholismus und an der Bartheke wartet nicht nur das Trinkmenü, sondern auch eine kleine Bibliothek kommunistischer Utopien auf einen Leser.

Die Stammgäste stammen vermutlich aus der ehemaligen Arbeiterklasse

Kneipenlektüre

Martin erzählt uns, dass der Besitzer der Kneipe ein nostalgischer Sammler war. Ursprünglich hatte er geplant, mit seinen Fundstücken ein kleines Museum zu eröffnen. Die Kneipe wurde schließlich mit der Ahnengalerie tschechoslowakischer Präsidenten bekannt, die sich über die Breite einer ganzen Wand aufreiht. Auch Fernsehteams kamen regelmäßig vorbei, wenn es etwas über die Präsidenten zu berichten gab. Den größten Rahmen im Raum besetzt allerdings Karl Marx, in seiner Nachbarschaft hängt ein kleines Portrait vom Kaiser der Habsburger Monarchie.

Ahnengalerie der tschechoslowakischen Präsidenten, in ihrer Mitte die Internationale

Die Krčma Nositel‘ Radu Práce erfüllt ein dunstiger Rauch. Auf den wackeligen Holzstühlen sitzt die ehemalige Arbeiterklasse. Bis auf einige Touristen, die kommen, drei Fotos schießen und wieder das Weite suchen, herrscht eine typische Kneipenatmosphäre. Als wir uns zum Gehen von unseren Plätzen erheben, löst sich eine Schraube aus einer Stuhllehne und fällt klirrend zu Boden.

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29. August, Zvolen, Reštaurácia Koliba:
3x turecká káva je 1 Euro

Er war uns auf unserer Reise durch die Mittelslowakei schon oft begegnet: Der SNP, Slovenské národné povstanie (dt. Slowakischer Nationalaufstand im Jahr 1944). Menschen sprachen uns auf ihn an, wir erlebten unwillkürlich die Vorbereitungen für das herannahende 67. Jubiläum des Feiertages und sahen unzählige Denkmäler – nicht nur in den Städten, sondern auch mitten in den Bergen der Vel‘ká Fatra (dt. Große Fatra, Mittelgebirge).

Dennoch blieb uns unklar, was genau der SNP eigentlich war, bis uns in den Straßen von Banská Bystrica der US-Amerikaner Luke Ryder ansprach und wir ein Stück zusammen weiterreisten.

Unser Gefährte für einen Tag: Luke Ryder

Wie sich herausstellte, war Luke ein zukünftiger Experte in Sachen SNP. Der 29-Jährige aus Burmington, Vermont studierte ostmitteleuropäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der University of McGill in Montreal, Quebec, Kanada. Nun steckte er mitten in den Vorbereitungen für seine Doktorarbeit über die slowakische Erinnerung an den Nationalaufstand und die Rolle, die sie in der politischen Transformation zum Kommunismus in der Nachkriegszeit spielte. Vor unserem Kennenlernen hatte er fünf Wochen lang einen Tschechisch-Sprachkurs an der Palacký Universtät in Olemouc gemacht. Danach forschte er in verschiedenen Archiven in Berlin, Bratislava und Banská Bystrica und reiste zu den militärischen Zentren des Aufstandes in der Mittelslowakei.

In der Kneipe Koliba (dt. Senne) auf einem Campingplatz in Zvolen erzählte uns Luke pünktlich zum Feiertag am 29. August mehr über sein Vorhaben.

Luke, es ist ja eher ungewöhnlich, dass ein Amerikaner über die Slowakei forscht. Wie bist du auf die Idee gekommen, deine Dissertation über den SNP zu schreiben?

Dazu muss ich ein bisschen weiter ausholen. 2004 kam ich nach Prag, um dort als Englischlehrer zu arbeiten. Nach meinem Collegeabschluss wollte ich einfach ein Paar neue Erfahrungen sammeln. Damals beschloss ich, auch in Zukunft zu lehren, weil ich merkte, dass ich dazu ein Talent habe. Aber ich wollte nicht englische Grammatik unterrichten und fasste den Plan, zu promovieren.

In Prag traf ich viele Slowaken. Ich bemerkte, dass sie noch mehr daran interessiert sind, internationale Leute kennenzulernen und ihnen ihr nationales und kulturelles Erbe mitzuteilen. Also fuhr ich mit ihnen in die Slowakei. Ich war sehr beeindruckt von der Gastfreundschaft vieler Slowaken! Außerdem bemerkte ich, dass die meisten slowakischen literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten nicht auf Englisch existieren. Es gab also noch viel Neues zu erforschen. So kam ich auf die Idee, meine Doktorarbeit über die Slowakei zu schreiben.

Könntest du kurz zusammenfassen, was der slowakische Nationalaufstand war?

Nach 1918 brach das österreichisch-ungarische Imperium zusammen und die tschechoslowakische Republik wurde ein unabhängiger Staat. Die Tschechen und die Slowaken schlossen sich deshalb zusammen, weil sie als Union stärker gegen Ungarn und Deutschland waren. Allerdings habe ich den Eindruck, dass das für die Slowaken aus mehreren Gründen keine glückliche Verbindung war. Tschechien war ökonomisch und industriell weiter entwickelt, Prag blieb das Zentrum. Außerdem sind die Slowaken bis heute im Unterschied zu den Tschechen sehr katholisch.

In den 1930er Jahren begann sich die faschistische Bewegung in Europa auszubreiten. Hitler und seine Alliierten beschlossen, das Sudetenland und Böhmen zu annektieren. Die Slowakei wurde zum faschistischen „Marionettenstaat“ mit einem eigenen Diktator. In den Kriegsjahren begann in der Slowakei aber eine Rebellion gegen das dem nationalsozialistischen Deutschland ergebene Regime, die von der demokratischen und kommunistischen Opposition gemeinsam geführt wurde. Nach Stalingrad wuchs diese Bewegung noch. Ziel der Rebellion war es im Wesentlichen, den Staat zu befreien, noch bevor die Sowjets anrückten.

Am 29. August 1944, also heute vor 67 Jahren, befahl der Kommandeur der Bewegung Jan Golian in Banská Bystrica den Angriff auf die gegnerischen Militärstellungen. Damit begann so etwas wie ein Bürgerkrieg. Die Rebellen bekamen aber viel Unterstützung von ausländischer, vor allem sowjetischer, aber auch amerikanischer Seite, deshalb waren sie militärisch recht gut ausgestattet. Sie hatten Züge und sogar eine Luftwaffe.

Ein Militärzug im Stadtpark von Zvolen erinnert an den Aufstand

Die Rebellion wurde bis zum Oktober durch die Deutschen beendet. Die Rebellen flohen in die Berge. Was folgte, war ein Guerilla-Krieg.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Rebellion scheiterte. Sie zog eine große Repression nach sich. Die Rebellen wurden von den Deutschen deportiert und in vielen Städten – übrigens auch mit Unterstützung mancher Slowaken – an Ort und Stelle erschossen.

In der Zentralslowakei erinnern noch heute viele Denkmäler an den SNP. Welche Rolle spielt das Gedenken an die Rebellion für die slowakische nationale Identität?

Der SNP erfuhr mit jedem politischen Konjunkturwechsel immer wieder eine Neuinterpretation. Die Rebellion wurde von den Demokraten und den Kommunisten unterstützt. Im Nachhinein sagten also beide Seiten, dass der Aufstand ihr Verdienst war. Nach 1943 wurden viele kommunistische Denkmäler gebaut, heute werden neue Gedenkstätten errichtet, die nun vor allem national-slowakisch sind. Weil die Slowakei als Staat noch so jung ist, hat der SNP einen ähnlichen Status wie der Independence Day für die Amerikaner. Heute wird der slowakische Präsident zum Anlass des Jubiläums in Banská Bystrica vermutlich davon sprechen, dass seine Politik nur die Verlängerung dieses Aufstandes ist.

Einer der Blickwinkel auf die Geschichte: Ein kommunistisches Denkmal in Banská Bystrica, dem Zentrum der Aufstände

Ein Ehrenmal für die Partisanen in Bratislava

Wie reagieren deine Freunde und Bekannten in den USA darauf, wenn du ihnen von deiner Arbeit erzählst?

Ich spreche mit meiner Familie und meinen Freunden eigentlich nicht über mein Thema, weil sie nichts darüber wissen. Auch an meiner Universität bin ich der Einzige, der die tschechoslowakische Geschichte genauer studiert. An anderen amerikanischen Universitäten, zum Beispiel in North Carolina oder in Toronto, Kanada, gibt es aber sehr gute Fakultäten für osteuropäische Geschichte.

Generell denke ich, dass die Slowakei in den Köpfen vieler Amerikaner noch immer die Tschechoslowakei ist. Die Slowakei ist ja erst 18 Jahre alt, sie ist wie ein Teenager.

Wenn ich meine Doktorarbeit beendet habe, werde ich versuchen, sie auch als Buch zu veröffentlichen. Ich hoffe, in der westlichen Welt damit ein wenig Publicity für sie Slowakei machen zu können. Aber auch für die Slowaken könnte das eine Chance sein, einen anderen Blick auf ihre Geschichte zu bekommen.

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Freitagabend, Banská Bystrica, Harley Pub (Marktplatz):
5x Urpiner je ca. 1 Euro

Banská Bystrica: Kleinstadtiylle im Herzen der Slowakei

Flaniermeile am Freitagabend

Banská Bystrica ist ein malerisches Städtchen mit Bergbautradition. Es liegt nicht nur im Herzen der Slowakei, sondern auch nahe am (fiktiven) geografischen Mittelpunkt Europas.

Der geografický stred Európy (dt. geografischer Mittelpunkt Europas) in der Nähe von Banská Bystrica

Bei unserer Ankunft ist es Freitagabend, Menschen in Wochenendstimmung flanieren durch die Straßen – unter ihnen entdecken wir zum ersten Mal auf unserer Reise durch die Slowakei auch „alternativ“ gekleidetes Jungvolk. In einer Seitengasse finden wir sogar ein Hostel, was für die Slowakei eine Besonderheit zu sein scheint (daneben bislang nur in Bratislava gesichtet!). Auf dem Marktplatz macht gerade der mobile Kinematograph der Biermarke Zlatý Bažant (siehe Kneipen-ABC) Station, der im Sommer durch die größeren Städte der Slowakei tourt. Eine Menschentraube sitzt auf dem Steinboden, um sich die tschechische Komödie anzusehen, die vor ihr über die groß aufgespannte Leinwand flimmert.

Abendliches Sommerkino von der Biermarke Zlatý Bažant

In Banská Bystrica ist eine von wenigen noch eigenständigen slowakischen Brauereien (sk. pivovar) sesshaft: Urpiner ist ein etwas bitter-würziges Bier, das hier in vielen Kneipen ausgeschenkt wird. Die meisten ehemals slowakischen Brauereien wurden von Heineken (Niederlande) oder SABMiller (England) aufgekauft. Mittlerweile werden viele handelsüblichen Biermarken im Heinkenwerk in Hrubanovo in der Südwestslowakei zentral produziert – zum großen Bedauern vieler Slowaken.

Der aufmerksame Bierliebhaber findet in der Slowakei aber noch vereinzelt Hausbrauereien. Eine solche Perle der Braukunst gibt es auch in Banská Bystrica: Die Kneipe Perla, die die Stadtbewohner den Besuchern gerne empfehlen. Leider stehen wir hier vor verschlossenen Türen, weil die traditionelle Arbeiterkneipe (manchmal leicht abwertend auch als pajsl (dt. Spelunke) bezeichnet), bereits um 8:00 Uhr zum Morgenbier öffnet und um 21:00 Uhr Sperrstunde hat.

Eine Perle: Die Perla

Tirish Pub:
1x Letná Demänovka (dt.
Sommerlicher Demänovka, Longdrink mit Kräuterschnaps und Apfelsaft) á ca. 1,20 Euro

Unauffällig folgen wir einer Gruppe von Punkern. Ihr Weg führt uns ins Tirish Pub. Wir befinden uns in einer weiträumgen Szeneabsteige mit bemalten Wänden und einer Bühne, auf der eine gelangweilte Band gerade ihren Punk abschrubbelt.

Ratlos stehen wir an der Bartheke vor einer bunten Wand handbeschriebener Zettel, die das Trinkangebot anpreisen. Während unserer langwierigen Entscheidungsphase tritt ein junges Mädchen mit rotgefärbten Haaren und dunkelgeschminktem Gesicht neben uns. Forsch bestellt sie eine bescheidene Auswahl an Spirituosen. Die Barmanka mustert die Kleine von oben bis unten und fragt nach ihrem Ausweis. In der Slowakei darf jegliche Art von Alkohol an Jugendliche erst ab 18 Jahren ausgeschenkt werden. Das Mädchen zieht ein zerknülltes Stück Papier aus ihrer Tasche und reicht es der Barmanka. Sowohl diese, als auch der nun zu Rate gezogene Stammgast sind von dem gstempelten Dokument, das die Volljährigkeit des Mädchens bestätigen soll, sichtlich nicht überzeugt. Kopfschüttlend lehnen sie ab. Ohne Foto ist der Papierfetzen nicht glaubwürdig.

Tirish Pub: Jugendsubkultur in Banská Bystrica

Zu später Stunde hören wir die Legende vom ominösen „Drink Team“, einer Gruppe von Männern, die sich in jungen Jahren zusammentaten, um miteinander um die Wette zu trinken. So erlagen sie zuletzt geschlossen dem Alkoholismus und ziehen noch heute durch die Kneipen von Banská Bystrica.

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Vel’ká Fatra (dt. Große Fatra, Mittelgebirge), Chata pod Borišovom:
Noclogr
im Mehrbettzimmer je 7 Euro
2x Topvar (tschechische Biermarke) je 1,70 Euro, 2x turecká káva je 1 Euro

Ein štamgast auf der Chata pod Borišovom: Dieser Schäfer kommt mehrmals am Tag auf ein Bierchen vorbei

Wir kamen aus verschiedenen Himmelsrichtungen, hatten andere Wege zurückgelegt und unterschiedliche Geschichten erlebt, als wir uns eines Abends im Trinkstüberl der Chata pod Borišovom (dt. Hütte unter dem Borišov) begegneten: Die drei fidelen Ausflügler Tomaš, Juraj und Janko aus der Slowakei, der pastier (dt. Kuhhirt) – ein Stammgast vom Nachbarhügel -, der polnische Rentner Adam, der die Hütte schon mit hochrotem Kopf erreicht hatte, und schließlich wir Weitgereisten, die einzigen Nicht-Slawischstämmigen in der Runde.

Hier stehen die Uhren still: Das Trinkstüberl in der Chata pod Borišovom

Die drei Slowaken waren gerade dabei, den Polen mit den nationalen Trinkgewohnheiten vertraut zu machen: Vor Adam türmten sich verschiedenste Schapsspezialtäten auf. Die Slowaken bestellten ihm einen Borovička (dt. Wacholderbeerschnaps, slowakisches Landesgetränk) nach dem anderen, während der Pole mit der rechten Hand aus Nationalstolz stets am Wodka festhielt. Auch ein Bier zum Nachspülen stand bereit. Freudig rief Adam aus: „Ach, wie ist das schön, dass wir hier zusammensitzen! Ihr aus der Slowakei, ihr aus Deutschland, ich aus Polen. Und trotzdem können wir uns alle verstehen!“

In diesem Moment zog Janko seine Mundharmonika hervor und begann, die Runde mit seinem Reportoire zu unterhalten: Vom slowakischen Volkslied, über Winnetou bis hin zu „Oh Tannenbaum“ war für jeden etwas dabei. Der Hirte rief aus: „Ich bin Tänzer!“ und war nicht mehr zu bremsen. Lächelnd schwankte er von einem Bein auf das andere und klatschte dabei mehr oder weniger rhytmisch in die Hände. Indes wandte sich der Pole an uns mit den Worten: „Ich kann Deutsch, ich verstehe alles, was ihr sagt, aber ich kann nicht sprechen.“ und nippelte an seinem Wodka.

Tomaš erzählte einen Schwank aus Zahorie („Aha!“ – dachten wir – „Das kennen wir doch!“): Der Vater von einem Bekannten seines Studienkollegen kannte den Bürgermeister eines kleinen Dorfes. Der kam auf die gewitzte Idee, sich am Computer Geldscheine auszudrucken und diese seinem Freund für den Kneipengang anzudrehen. Ein Bier bekam jener zwar nicht, dafür aber zwei Jahre auf Bewährung!

Juraj teilte die nächste Runde Bier aus und stellte Adam einen weiteren Borovička in die Warteschlange, während dieser immernoch an seinem Wodka festhielt. Der Hirte, der vom lustigen Tanz einen Drehwurm bekommen hatte, lehnte derweil dankend ab und kehrte auf den Nachbarhügel zu seinen Kühen zurück. Der Pole drehte sich zu uns um und beteuerte begeistert: „Ich kann Deutsch, ich verstehe alles, was ihr sagt, aber ich kann nicht sprechen.“

Janko spielte ein slowakisches Volkslied auf von einem Mädchen, das seine Haare nicht kämmen wollte, und Juraj setze zu einer neuen Geschichte zu an. Wie so oft in der Kneipe handelte sie von einem Bären: Am Rande seiner Heimatstadt Martin trug es sich zu, dass einmal ein Bär den Garten einer lieben Hausfrau besuchte. Die erschrak zu Tode, versteckte sich hinter einem Holzverschlag und wusste nicht, was zu tun. Der Bär indes pflückte sich seelenruhig einen Apfel vom Baum und tapste friedlich zurück in den Wald.

„Ach, wie ist das schön, dass wir hier zusammensitzen! Ihr aus der Slowakei, ihr aus Deutschland, ich aus Polen. Und trotzdem können wir uns alle verstehen!“ lenkte Adam erneut die Aufmerksamkeit auf sich und trank mit den Worten „Na zdrovie!“ seinen letzten Schnaps aus. Das Stübel leerte sich langsam. Auch Adam erhob sich nun schwankend und stolperte die Treppen in sein Zimmer hinauf. Ein erschöpftes Pärchen bereitete sich auf den schmalen Holzbänken sein Nachtlager, da alle Betten in der Hütte bereits belegt waren. In diesem Moment betrat der Wirt die Stube und fragte: „Wer hat denn den Polen so abgefüllt?“ Im ersten Stock polterte das Hüttenpersonal mit den Putzeimern – Adam hatte sich mittlerweile mehrmals im Mehrbettzimmer übergeben.

Nach einer Weile kehrte wieder Ruhe in der Chata pod Borišovom ein. Der Wirt bließ die Petroleumlampen aus.

Ausblick von der Hütte über die Vel’ká Fatra

In den Morgenstunden des nächsten Tages verabschiedeten wir uns voneinander: Die drei Slowaken Tomaš, Juraj und Janko, der polnische Rentner Adam und wir beiden Deutschen, und zogen weiter in verschiedene Himmelsrichtungen.

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