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Archive for the ‘Vrbovce’ Category

Vrbovce, Hüttenbau-Workshop:
1 Flasche selbstgemachter Sauerkirschlikör
, 2x Gemer aus der Flasche (siehe Kneipen-ABC)

Die Kneipe als Ort der Begegnung, an dem ungeschriebene Geschichten erzählt werden, hat in der Slowakei einen Konkurrenten: Das Lagerfeuer. Auch hier sitzt man traditionell beieinander und raunt sich Erzählungen zu – über das Leben, Vergangenheit und Zukunft, und besonders über die Liebe.

Das Dorf Vrbovce in Záhorie

Eine Liebesgeschichte hören wir in Záhorie (dt. „Hinter den Bergen“, Gebiet in der Westslowakei). Es ist Nacht, die Bewohner im Dorf Vrbovce haben ihre Lichter längst ausgeknipst. Alles schläft – nur nicht das Lager hinter dem Hügel. Das „Lager“ ist eigentlich ein (freiwilliger) Workshop, in dem die Teilnehmer lernen sollen, aus Holz, Stroh, Lehm und Schafswolle jurtenartige Hütten zu bauen.

Morgendliche Anleitung zum Hüttenbau

Die Jurten sollen später von Touristen bewohnt werden, die erfahren möchten, wie es ist, unter einfachsten Bedingungen zu leben.

Auch in dieser Nacht sitzen die Arbeitssamen um das Lagerfeuer. Rhythmische Klänge erheben sich. Einige Frauen singen sich in Trance, ein paar Männer trommeln, andere blasen in Fujaras (slowakische Hirtenflöten) und Didgeridoos. Die rohrartigen Holzblasinstrumente sind auch der Grund für unsere Anwesenheit im Lager. Wir folgten einem Bekannten aus Zahorié, der vor zwei Jahren in einer jener selbstgebauten Jurten ein Feuer entfachte. Fatalerweise handelte es sich dabei um das Didgeridoo-Lagerungszelt. Beherzt ließ er den natürlichen Wirkung-Gegenwirkung-Effekt von Holz und Feuer außer Acht und brannte die Hütte samt Inhalt nieder. Nach zwei schamvollen Jahren im Untergrund fand sich unser vom Gewissen gequälter Freund wieder im Lager ein, um seine Schuld abzuarbeiten.

Neben den Zahorácy kommen die Workshopteilnehmer hauptsächlich aus Tschechien und lassen sich, sehr pauschal formuliert, in zwei Kategorien unterteilen: Der Typ Arbeiter, der ungefragt zupackt. Der Typ Hippie, der versucht, der körperlichen Arbeit einen spirituellen Sinn einzuverleiben. Zusätzlich erfüllt dieser leider oft so manches Klischees, ist Vegetarier und erzählt gern von seinen Indienreisen.

„He!“ Ein Typ Zwei, der sich als Jakub vorstellt, setzt sich vor uns auf den Boden und fragt uns mit sanfter Stimme: „Möchtet ihr euch der Gruppe nicht auch mitteilen? Wir haben für JEDEN ein Instrument.“ Er zieht eine indische Glocke hervor. Den Kopf in Schräglage versetzt und die Augen geschlossen beginnt Jakub mit einem Klöppel über den Rand der Glocke zu streichen, bis sich ein monotoner Ton von ihr löst. Müde lächelnd lehnen wir ab. Plötzlich kriecht eine junge Frau auf allen Vieren aus der Finsternis. Wie ein Wolf nähert sie sich dem Feuer, kreist dabei rhythmisch im Takt ihre Hüften. „Přicházá! (dt. Sie zeigt sich!)“ raunt Jakub ehrfürchtig. Wir dagegen sehen uns an mit der heimlichen Angst, nach der Ablehnung der indischen Glocke nun dazu aufgefordert zu werden, uns der Gruppe ersatzweise durch einen Feuertanz „mitzuteilen“.

Zur Flucht kommt es nicht. Ein geschätzt 60-jähriger Mann nimmt neben uns auf der Holzbank Platz. Jiři entpuppt sich als Geschichtenerzähler. In perfektem Deutsch berichtet der charismatische Schauspieler von seinen einstigen Liebschaften, denen er bis nach Italien oder Amerika folgte. Auch Deutsch lernte er von einer Verflossenen. „Bravo, Hanka!“ richtet sich Jiři an die Tänzerin. Das Schmeicheln hat er nicht verlernt.

Die Feuerstelle bei Tag: Ort der Ruhefindung

Ein Mann greift zur Gitarre. Mit kräftiger Stimme beginnt er, tschechische Lieder zu singen, die jeder Teilnehmer auf seine eigene oder eigenartige Weise zu begleiten weiß. „Wir nennen ihn ‚Viking‘ (dt. Wikinger)“, zeigt Jiři auf den Sänger. Der Spitzname erklärt sich von selbst: Viking hat ein rundliches Gesicht und sein blondes, fast weißfarbenes langes Haar mit einem Kopftuch nach hinten gebunden.

Und dann teilt Jiři mit uns eben eine jener Liebesgeschichte, die so nur am Lagerfeuer berichtet werden können. Sie geht so: „Viking ist Tscheche. Früher war er rastlos und wanderte so wie ihr durch die Welt. Eines Tages kam er in diese Gegend der Slowakei. Er stapfte durch den Wald und stieß auf eine Lichtung. Dort stand ein halb zerfallenes Haus, in dem eine einsame Frau mit ihren vier Kindern hockte. Ihr Mann hatte sie verlassen. Viking und die Slowakin sahen sich und verliebten sich auf den ersten Blick ineinander. Sie heirateten und bekamen gemeinsam noch zwei weitere Kinder. Viking ging nie wieder von hier fort.“

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